Bike Fitting mit viel Liebe zum Detail

Wenn man von Bike Fitting liest denkt man gleich immer an Aerodynamik, Zeitfahrräder oder zumindest an den Straßenradsport. Hier ist das Bike Fitting auch bestimmt schon weiter verbreitet aber auch beim Mountainbike ist es sinnvoll sein Fahrrad an die eigenen körperlichen Voraussetzungen (sprich Beweglichkeit) anzupassen. Das Ziel ist ein Kompromiss aus Komfort und bestmöglicher Kraftübertragung.

Die Entscheidung das Bike Fitting bei Staps zu machen viel nicht schwer, seit 2016 arbeite ich gut mit dem Kölner Institut zusammen und fühle mich dort trainingswissenschaftlich gut aufgehoben. Der Preis klingt auf dem ersten Blick recht hoch, die Gegenleistung ist dann aber auch mehr als die gewöhnlichen Standardtrainingspläne aus der Lehrbuchliteratur und die aufwendigen Testverfahren, die im Übrigen auch beim BDR Olympiastützpunkt in dieser Form durchgeführt werden, bereits im Preis inklusive.

Auch im Bereich Bike Fitting hat Staps einige Referenzen zu bieten, allen voran natürlich mit der Einstellung der Zeitfahr-Weltmeisterräder von Tony Martin. Die zwei lesenswerten Artikeln zur Tour de France 2017 mit Tony Martin möchte ich dir nicht vorenthalten: Go for gelb! und Auftaktzeitfahren der Tour de France mit Tony Martin.

Persönlich hatte ich schon länger ein Bedürfnis mein Canyon Lux auf dem Prüfstand zu stellen, alleine weil meine extrem Position auf dem Rad mir Kopf zerbrechen machte. Zumal ich eben bei der Night on Bike mit Rücken und in Finale Ligure mit den Händen arge Probleme hatte. Aber zuerst musste ich meine eigenen Hausaufgaben machen und mein Becken so stabilisieren, dass ich links nicht abknicke und mein Rad auf die verkehrteste aller Sitzpositionen abstimme.

Auch wenn ein Bike Fitting häufig mit aerodynamischen Verbesserungen assoziiert wird, ist dies doch nur ein kleiner Teil der zu untersuchenden Elemente und kann nur dann optimal ausgereizt werden, wenn die Basics in Form von Knielot, Satteldruck und Sitzposition stimmen.

Und genau diese Basics sind für das MTB mindestens genauso relevant wie auf dem Rennrad. Während der Satteldruck auf der Straße vielleicht noch entscheidender ist, weil man ruhiger auf dem Rad sitzt, kann die richtige Einstellung im Cockpit aber nicht nur den Komfort erhöhen, Beschwerden reduzieren sondern auch noch das Handling des Mountainbikes im Gelände verbessern.

STAPS BIKE FITTING

Alles begann mit meiner bisher stressigsten Fahrt nach Köln, denn für die knapp 80km brauchte ich 2,5h und war damit absehbar 40min zu spät. Während die Zeit so dahin raffte, stand ich in der Kölner Innenstadt im Stau, mein Navi leitete mich nach einer Vollsperrung der A4 um. Grandios.

Glücklicherweise hatte Benjamin viel Verständnis und nach kurzem Smalltalk erklärte er mir die Fitting Schritte. Nach einem allgemeinen Beweglichkeitstest wurde der Ist-Zustand aufgezeichnet und dann die Vorgehensweise anhand der Bilder besprochen.

Meine linke Seite ist weiterhin instabiler als die rechte aber durchaus akzeptabel. Was auch die Auswertung nach 10min Pedalierens auf dem Canyon Lux ergab.

Wo keine Schmerzen, da keine Probleme? Ein erstes Ausrufezeichen ergab die Satteldruckmessung. Der Tune Speedneedle passt wie angegossen auf meinen Arsch, naja fast. Aber das Bild war sehr zufriedenstellend und ein Satteltausch war damit direkt vom Tisch. Wie sich aber bei falscher Sattelhöhe und Sitzneigung die Druckbelastung auch bei einem an sich passenden Sattel auswirken kann, zeige ich dir später.

Nicht im Bild aber trotzdem als die Problemstellen an meinem Mountainbike ausgemacht waren Kniewinkel und Armhaltung. In zwei Schritten sollte es also zur perfekten Sitzposition gehen.

Lange Zeit hatten wir auch angenommen mein linkes Bein tritt viel schwächer (50%) als mein rechtes und versucht hier mit den Druckmessung in den Schuhen die Resultate zu verbessern. Allerdings stellte sich heraus, dass aufgrund meiner Einlage mit 3mm Erhöhung rechts der Druck im Schuh so hoch ist, dass es die gesamte Messung verfälscht. Ohne Einlagen sah das Bild der Druckmessung direkt besser aus, aber dann fehlte die Stabilität im Becken und ich kippte wieder seitlich weg.

Meine Cleats hingegen waren sehr gut eingestellt, mein Ergon TP1 Pedal Cleat Tool (Amazon Partnernet Link) ist sehr gut geeignet.

Kniewinkel

Der richtige Kniewinkel am Mountainbike existiert nicht aufgrund der unterschiedlichen menschlichen Anatomien. Allerdings lautet die Lehrbuchempfehlung 145-155 Grad. In der ersten Messung war ich deutlich außerhalb dieses Rahmens. Es gab zwei Möglichkeiten, dieses Winkel nun herbei zu fitten. Entweder den Nachsitz nach hinten verstellen oder die Sitzhöhe reduzieren. Die Auswirkungen waren sehr unterschiedlich, denn mit dem richtigen Kniewinkel veränderte sich die Satteldruckbelastung. Und jetzt sind wir nämlich zurück bei meiner Eingangsaussage: bestmögliche Kraftübertragung.

Gesucht wird der Kompromiss, wo der Kniewinkel im Rahmen der Lehrbuchvorgabe die bestmögliche Kraftübertragung erzeugt ohne das der Satteldruck zu groß wird und ggf. trotz besserer Kraftübertragung langfristig Schmerzen kommen. Im Übrigen erklären die Bilder auch Tims starke Sitzbeschwerden nach dem 24h Rennen, denn bereits wenige Millimeter verursachen gravierende Belastungen.

Um mit den Messungen auch sauber arbeiten zu können, wird bei jeder Messung nur eine Stellschraube verändert, damit auch direkt nachvollziehbar ist, welche Auswirkungen diese hat.

Im ersten Schritt hat Benjamin den Nachsitz an meinem Mountainbike um wenige Millimeter nach hinten verschoben. Die Auswirkungen waren geringfügig in der Druckbelastung und mit 146 Grad waren wir gerade so im Normbereich des Kniewinkels.

Messung 3 und 5 zeigen zu tiefe Sitzhöhen, die zwar einen besseren Kniewinkel machen aber eben soviel Druck im Sattelbereich erzeugen, dass es keine gute Idee wäre mit diesem Setup 24h Rennen zu fahren. Bei Sprintrennen könnte man darüber sogar diskutieren.

Hierbei kristallisierte sich bereits Abbildung 4 als der goldene Kompromiss heraus. Sattelneigung weiter nach hinten und Sitzhöhe 1,5mm (!!) runter. Der Kniewinkel passte damit auch. Im Detail sieht die Druckbelastung dann etwas stärker aus aber im Rahmen, zumal nich mit einer 1,5mm Erhöhung im Rennverlauf auch direkten Einfluss auf den Druck nehmen kann.

In der neuen Ausrichtung und Höhe ist die Druckverteilung minimal höher auf der linken Seite aber dafür ist die Gesamtdruckverteilung sogar besser und der rotmarkierte Strich mit der Sattelbewegung zentral auf dem Sattel und nicht rechts daneben. Also auch eine Verbesserung im Detail. Dazu der wichtige und korrekte Kniewinkel.

Armhaltung

Um die Schultern zu entlasten und etwas mehr Druck auf dem Lenker zu bekommen, bisher fühlte sich das eher wie ein am Lenker ziehen als drücken an, haben wir eine Vorbauverlängerung ausprobiert. Und mit dem Wechsel von 90 auf 100mm direkt einen Volltreffer gelandet. Glücksspiel? Oder doch das gekonnte Auge eines Profis?

Die Arme drücken nicht ganz so stark durch, der Rücken (nicht zu sehen) ist gerade und die Position entspannter im Schulterbereich und trotzdem direkter für den Fahrantrieb.

Mit Drücken bzw. dem früheren Ziehen meine ich das Grundgefühl bei passiver Fahrweise. Ich habe das Gefühl, dass ich jetzt im Schulterbereich viel entspannter bin.

Auf den Lenker zu drücken entspannt meinen Nacken von selbst. Durch die minimale Gewichtsverlagerung bringe ich mehr Gewicht auf das Vorderrad, was mehr Traktion bekommt.

Natürlich habe ich vorher auch nicht wie verrückt am Lenker gezogen. Aber während ich mich jetzt auf den Lenker aufstütze, habe ich mich früher abgestützt. Und mit mehr Gewicht auf dem Vorderrad fühle ich mich besser und kann in der aktiven Fahrweise den Armhebel besser ausspielen.

Neben den Messungen ist das unmittelbare Fahrerfeedback nach den Einstellungen genauso relevant, um den Prozess zu validieren. Es helfen nämlich keine perfekten Laborergebnisse, wenn diese sich “falsch” anfühlen.

Mein Grand Canyon SLX haben wir dann in unschlagbaren 30min ebenfalls gefitted. Hier war die Sitzhöhe und der Nachsitz bis auf 1mm korrekt eingestellt. Die Erklärung ebenso einfach wie banal. Am Trainingsrad schraubt und experimentiert man eben lieber als am Goldesel.

Auch hier fahre ich jetzt einen 100mm Vorbau statt 90mm und kann hier bereits den besseren Druck deutlich spüren. Mein Canyon Lux habe ich seitdem Fitting noch nicht ausprobiert. Der Goldesel ist noch im Winterschlaf.

Fazit

Egal ob Beschwerden oder nicht. Denn wer weiß, welche Folgen eine langfristig falsche Sitzposition für Knie oder andere Körperteile hat? Ein richtig eingestelltes Bike ist genauso wichtig wie ein gutes Training und eine passende Ernährung.

Vieles kann man selbst machen aber gerade das bildgebende Verfahren hilft Datensammlern wie mir ungemein weiter. Fakten sind nun mal schlecht wegzudiskutieren.

Infos

Preislich beginnt der Test bei 199€, ich hatte das Bike Fitting Pro von 299€. Lohnt sich das das? Das kommt ein wenig auf jedeN selbst an. Wenns Probleme gibt, die Schmerzen verursachen definitiv. Bei mir war es vor allem die Frage, wie mein Tritt ist und was ich im Bezug auf die Entlastung des Rückens optimieren kann. Für meinen Kopf war es wichtig zu sehen, dass Cleats und Sattel sehr gut passen und die Druckverteilung perfekt ist.

Man sollte das Rad oder eine gleichwertige Geometrie auch noch länger fahren wollen.

Zum Staps Bike Fitting: https://staps-online.com/radsport/#bikefitting

Artikel wurde am 02.03.2019 überarbeitet.

Veröffentlicht von

2006 bin ich zum Radsport gekommen und seitdem von dieser Sportart fasziniert . Anfangs als Mountainbike Tourenfahrer unterwegs, kam ich schnell zum ersten Mountainbike Rennen, zum Leichtbauwahnsinn und erhöhtem Trainingsaufwand. Wegen der Befindlichkeit, nicht wegen der Ergebnisse. Seit 2012 bin ich auch auf dem Rennrad unterwegs. Und es macht Spaß.

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ich muss mal ne ganz dumme Frage stellen (oder mehrere): Wieso ziehst du am Lenker? Und wieso ist drücken besser? Ist das nicht Gift für die Hände, wenn man zu sehr drückt? Ist es nicht am allerbesten, die Arme als Federung zu benutzen? Bitte erklären. Ich möchte es gern verstehen. Ach ja: Was hat es denn jetzt gekostet? Das hast du nicht erwähnt. Nur, dass es (vermutlich) relativ teuer ist. Meinst du, es lohnt sich auch für eine Hobbyfahrerin wie mich?

  2. Hallo Susanne,

    Danke für deine nachfragen, die mir meine „betriebsblindheit“ offenbaren. Ich werde die Antworten, weil sie für alle wichtig sind, auch direkt in den Artikel einpflegen.

    Mit drücken und ziehen meine ich, dass Grundgefühl und vor allem die An- bzw. Entspannung im Schulterbereich. Mit dem Gefühl, dass ich jetzt eher auf dem Lenker drücke als zu ziehe, entspannt sich der Nacken von selbst außerdem ist natürlich das Gefühl eher auf den Lenker zu drücken als zu ziehen auch im Übertrag auf das fahren sinnvoll. Grund wird eine minimale Gewichtsverlagerung sein, die aber auch dafür sorgen kann, dass das Vorderrad mehr Traktion bekommt. Ob ich jetzt voll der Downhill Profi werde, werden wir sehen ;)

    Preislich beginnt der Test bei 199€, ich hatte den Protest von 299€. Lohnt sich das das? Das kommt ein wenig auf jedeN selbst an. Wenns Probleme gibt, die Schmerzen verursachen definitiv. Bei mir war es vor allem die Frage, wie mein tritt ist und was ich optimieren kann im Bezug auf die Entlastung des Rückens.

    Man sollte das Rad oder eine gleichwertige Geometrie auch noch länger fahren wollen.

    Fragen zufriedenstellend beantwortet?

    Das mit dem Hebel der Arme habe ich weg gelassen. Da hast du selbstverständlich recht aber in meiner drücken und ziehen Gefühlskette sprach ich von einer passiven Fahrweise, natürlich werden die Arme im Gelände oder während der Fahrt eingesetzt. Aber bei passivem Fahren war eben das Grundgefühl vorher eher ich, dass ich mich nicht am Lenker aufstütze sonder am Lenker hochzieh.

    Viele Grüße
    Daniel

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