Abstand aus Anstand

Ich bin in den letzten 2,5 Jahren mehr als 30.000km auf dem Fahrrad unterwegs gewesen, im gleichen Zeitraum habe ich mit dem Auto weniger Kilometer zurück gelegt. Zwei Mal bin ich in einen Unfall verwickelt worden aber darüberhinaus habe ich viel gefährlichere Situationen erlebt. Quo vadis Straßenverkehr?

Ich habe lange überlegt, ob ich etwas zu der mir zugefügten Körperverletzung am vergangenen Freitag schreiben soll oder nicht. Ich nenne es bewusst nicht Unfall, weil diese Verniedlichung der Tatsache von einem tonnenschweren Stückblech umgefahren zu werden schon der Beginn des Problems ist. Ein Unfall klingt für mich nach Zufall, nach Pech oder nach wir können alle nichts dafür. Wenn man von einem Auto angefahren wird, dann ist es aber kein Pech. Sondern der Fahrer war unaufmerksam, bestenfalls.

Ich möchte gar nicht so sehr ins Detail des konkreten Vorfalls gehen, denn mich beschäftigt seit dem viel mehr die Dimension darüber. Im nächsten Kaffeekränzchen mit Ansgar wird das auch Teil des Coffee & Chainrings Podcast werden: Im Straßenverkehr herrscht Ausnahmezustand. JedeR gegen jeden. Verkehrsrowdies auf der einen Seite, Träumer daneben und Möchtegern-Erzieher auf der anderen Seite. Dazwischen FußgängerInnen, FahrradfahrerInnen und und und… Und niemand in diesen Blechkisten, egal ob Drängler, Stopper, Träumer scheint sich darüber bewusst zu sein, dass diese sich bewegende Blechkiste im Handumdrehen einen Menschen töten kann.

Hier ein Blick aufs Handy, da ein Überholmänover in einer Kurve, hier mal während des Überholens auf 90kmh das Tempo reduzieren, um den (vermeintlichen) Raser seine Geschwindigkeit zu nehmen… All dieses ist für mich unfassbar. Unfassbar unverständlich.

Zwei Unfälle und hunderte Gefahrenmomente in den letzten zweieinhalb Jahren

Ich hatte bisher offensichtlich Glück. Wirkliches Glück. Im Januar 2016 wurde ich von einer Frau auf einem 2m breiten Feldweg angefahren, als ich im Anhänger meine einjährige Tochter kutschierte. Die Frau rammte einfach den Anhänger, weil wir zu langsam waren. Auf einem asphaltierten Feldweg… Schuldbewusstsein? Fehlanzeige! Mitgefühl? Fehlanzeige. Sie ist nicht einmal aus dem Auto ausgestiegen bis die Polizei da war.

Am Freitag fuhr ich auf einem Radweg parallel zu einer stark befahrenen Straße. So stark, dass ich den schlechten Radweg benutze. Ich rollte mit 20kmh auf eine rote Ampel zu, während ein Autofahrer an mir vorbei fuhr und anschließend dann in mich hinein.

Das ältere Ehepaar war zuerst in völliger Aufruhr. Verständlich immerhin haben sie einen Menschen umgefahren. Aber das war nicht der Grund der Aufruhr, denn sie suchten einzig einen legitimen Grund für ihre Aktion und hatten ihn vermeintlich gefunden: Das war kein Radweg.

Während zwei Zeugen sich um mein Wohlergehen kümmerten und Krankenwagen sowie Polizei verständigten, suchten die Herrschaften einzig und allein den (nicht zu erbringenden Beweis) sich korrekt Verhalten zu haben. Denn, so der Umkehrschluss, wäre es kein Radweg gewesen, wäree es legitim gewesen mich umzufahren…

Erst als die Polizei die Anzeige wegen Körperverletzung aufgenommen hatte, wurden die beiden ruhiger. Während die Frau ohne Polizei auf meine Frage, ob es nicht nett gewesen wäre sich nach meinem Wohlergehen zu erkundigen mit “ich bin doch nicht gefahren” reagierte, wünschte sich mir immerhin dann beim Abtransport ins Krankenhaus eine gute Besserung. Verrückt.

Zwei Vorfälle in zwei Jahren klingt wenig, aber die hundert anderen Situationen bleiben häufig unerwähnt. In unserem Podcast thematisierte ich bereits, dass ich häufig Opfer von kriminellen AutofahrerInnen werde. Insbesondere die immer wiederkehrenden beinahe Zusammenpralle bei Straßenverengungen, wenn das entgegenkommende Fahrzeug für einen Radfahrer trotz Hindernis nicht wartet, sondern sich mit 10cm Abstand und 70kmh an einem vorbei quetscht, lassen mein Herz höher schlagen. Ich habe Angst!

Neulich bin ich von einem entgegenkommenden Auto angehupt worden. Es befand sich auf meiner Spur, weil es gerade ein anderes Auto überholt hat und mich nicht sehen wollte. Ich musste ausreichen, sonst hätte ich hier nicht mehr tippen können.

Aber auch wüste Beschimpfungen, LKWs die mit 80kmh und 50cm Abstand überholen, obwohl die gesamte Fahrbahn frei ist oder eben besagte AutofahrerInnen mit Möchtegern-erzieherischer Kompetenz, die auf den (wegen schlechten Zustands gesperrten) Radweg verweisen. Wohlgemerkt zeigen auch FahrerInnen von Feuerwehr und Rettungsdienst dieses Verhalten, obwohl in unserem Kreis die Radwegbenutzungspflicht aufgehoben worden ist gehören zum Alltag auf der Straße.

Desaströser Zustand auf der Autobahn

Doch nicht nur wir RadfahrerInnen sind Leidtragende. Auf der Autobahn herrscht ebenso ein desaströser Zustand. Es wird gedrängelt, aufgefahren, die Vorfahrt genommen, ausgebremst, rechts überholt und das alles bei mindestens 80kmh.

Die Wenigsten scheinen sich in diesen Momenten darüber im klaren zu sein, dass ein Menschen leben schneller enden kann, als einem lieb ist. Alleine am Wochenende gab es um Erkelenz zwei schwere Unfälle aufgrund fehlender Fahrkompetenz.

Solang diese Aktionen als “Unfall” klein geredet werden, wird sich im Straßenverkehr wenig ändern. Wenn man ungebremst in einer Baustelle auf ein Auto mit 80kmh auffährt, dann ist das für mich kein Unfall. Es ist ein Angriff auf die Insassen des anderen Wagens.

Abstand aus Anstand

Wir brauchen ein Umdenken im Straßenverkehr. Für mich ist es zum Beispiel normal, dass bei einer hinter mir entstehenden Schlange, den fahrenden Fahrzeugen signalisieren, dass ich gleich Platz mache.

Es hat einen guten Grund, wenn ich den Straßenrand verlasse und mittiger unterwegs. Es ist zum einen mein Recht bis zu einem Meter Abstand zum Rand zu lassen und andererseits auch ein Selbstschutz, damit ich nicht geschnitten werde.

Kenne ich die Straßen gut und weiß, dass der Fahrbahnrand gut ist, winke ich auch Autofahrer vorbei und signalisiere, dass sie nicht die Fahrbahn wechseln müssen. Dann sind die Überholvorgänge in reduzierter Geschwindigkeit auch ok.

Ich will trainieren und niemanden aufhalten. Und wer aus Anstand Abstand hält, der verliert schlimmstenfalls 2 Minuten Fahrtzeit und rettet Menschen leben. Ich wünsche diesem Verhalten allzeit eine grüne Welle, dann reduziert sich die Fahrzeit vielleicht sogar.

Insgesamt wünsche ich mir einfach weniger Aggressivität im Straßenverkehr. Egal ob Überholer oder Überholende. Wenn man den Drängler weiterfahren lässt (und sich Kennzeichen notiert und anzeigt) fährt man sicherer, als wenn man seine Spielchen folgt und sich in waghalsige und lebensgefährliche Manöver verstrickt. Mein Ego braucht das nicht. Dann lieber sicher ankommen.

Auch wenn jemand vor mir einfach rauszieht, muss nicht weiter auffahren oder mit Lichthupe und Co. reagieren, klar war das nicht richtig aber ändern kann man es eh nicht mehr. Überholen und dann den Verkehrserzieher spielen führt auch nur zu waghalsigen Aktionen und sind nur für das Ego befriedigend aber garantiert nicht pädagogisch wertvoll.

Wenn Rücksicht zum Leitgedanken wird, haben wir viel gewonnen. Bis dahin ist es aber ein langer Weg, der vor allem auch verkehrspolitisch eine Wende benötigen wird. Bis dahin wünsche ich dir alles Gute, pass auf dich auf und stecke lieber einmal mehr zurück.

Bildnachweis: Titelbild Pixabay

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2006 bin ich zum Radsport gekommen und seitdem von dieser Sportart fasziniert . Anfangs als Mountainbike Tourenfahrer unterwegs, kam ich schnell zum ersten Mountainbike Rennen, zum Leichtbauwahnsinn und erhöhtem Trainingsaufwand. Wegen der Befindlichkeit, nicht wegen der Ergebnisse. Seit 2012 bin ich auch auf dem Rennrad unterwegs. Und es macht Spaß.

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