Während im Fußball Arsenal und Dortmund um die Ablösesumme eines Fußballstars streiten, die Wochengehälter sich im sechsstelligen Bereich befinden und selbst durchschnittliche Spieler sich selten um ihre Zukunft Gedanken machen müssen, erleben wir im Mountainbike Sport gerade einen Wandel. Nicht einmal der deutsche Mountainbike Marathon Meister Markus Bauer bleibt davon verschont.

Die Artikel Vorlage über die Zukunft des deutschen Mountainbike Marathon Meisters Markus Bauer (Kreidler Werksteam) stand schon länger in meiner Todo-Liste. Eigentlich verstehen wir uns nicht als Magazin zum Profisport, der Kollege Erhard Goller ist mit seinem Blog a cross the country meine persönliche Empfehlung.

Aber was ich in den vergangenen Wochen über den Profibereich meiner Lieblingssportart gelesen habe, machte mich wütend und traurig zugleich. Da löst sich das Kreidler Werksteam zum Saisonende 2017 auf und der amtierende deutsche Marathon Meister Markus Bauer findet keinen neuen Arbeitgeber. Er ist nicht der einzige deutsche Profi-Sportler, dem es so ergeht. Sabine Spitz fährt zum Beispiel seit Jahren ohne ein professionelles Team und vermarket sich selbst.

Gestern Abend ging der Schweizer Florian Vogel mit einer Meldung an die Öffentlichkeit, wo mir die Spucke wegblieb. Das renommierte Focus XC Team, um besagten Florian Vogel, dem ehemaligen deutschen XC-Meister Markus Schulte-Lünzum und Vizeeuropameisterin Linda Indergand verliert kurz vor Saisonbeginn den namensgebenden Sponsor.

Was geht im Mountainbike Zirkus?

Für uns Hobby- oder Amateuerradfahrer oder Mountainbiker sind die meisten Türen zu Sponsoren verschlossen. Wenige Ausnahmen zeigen aber auch, wie wertvoll Kooperationen für beide Seiten sein können. An dieser Stelle möchte ich GripGrab und Sponser Sportfood ausdrücklich positiv hervorheben.

Die meisten Profiteams (Scott Racing um Cross Country Weltmeister Nino Schurter, Topeak-Ergon Racing Team um Marathon Weltmeister Alban Lakata oder die deutschen Teams Bulls und Team Centurion Vaude) werden von Sportmarken unterstützt, die einen Großteil des Team Budgets tragen.

In den letzten Jahren verschwanden einige Teams und diese Entwicklung scheint sich fortzusetzen. Der E-MTB Sektor boomt und viele Szenekenner sehen eine Verschiebung der Marketing Ausgaben in diesen Bereich.

Markus Bauer als amtierender deutscher Meister vor dem Karriere Aus?

Das Kreidler Werksteam hat sich u.a. deswegen aufgelöst, allerdings im Vergleich zu der Geschichte um Focus XC Racing transparent und zum Ende der verbindlichen Vertragslaufzeit.

Das Markus Bauer als amtierender deutscher Meister keinen Platz in einem anderen Team gefunden hat, zeigt wie klein die Profi-Szene in Deutschland ist und wie gering die Budgets der einzelnen Teams sind. Die beiden deutschen Teams sind voll und haben keinen Spielraum einen weiteren Fahrer aufzunehmen, obwohl Markus Bauer für beide Teams bestimmt eine attraktive Ergänzung sein würde.

Focus mit Marketing Desaster

Erst im Herbst 2017 schickte Focus Florian Vogel und Markus Schulte-Lünzum mit ihrem neuen E-MTB über die Alpen, um einen neuen Rekord aufzustellen und diesen medienwirksam zu verkaufen. Damals berichtete sogar Fernsehsender Sport1 darüber.

Jetzt möchte ich Focus kurz vor der Saison 2018 davon nichts mehr wissen und weigert sich die (seit Herbst 2016!) mündliche Zusage zu erfüllen. Neben dem amtierenden Europameister Florian Vogel geht es auch um die Zukunft von Markus Schulte-Lünzum, der mit Focus um olympisches Gold kämpfen will.

Auch hier scheint die Fokussierung auf E-MTB nicht ausgeschlossen, denn das Projekt FocusTransalp36 wurde sehr gepusht.

Ein fader Beigeschmack bleibt bei mir, warum die Leiter von Focus XC Racing nicht schon früher auf eine vertragliche Fixierung gepocht haben und fast zwei Saisons ohne rechtliche Verbindlichkeit mit Focus zusammen gearbeitet haben.

Zu Recht entsühnt sich gerade die Wut auf Focus, ein Blick in die Kommentare von Florian Vogels Facebook Beitrag verdeutlicht dies. So betreibt man natürlich Anti-Marketing.

Letztendlich muss sich aber auch die Teamleitung hinterfragen, ob man ein professionelles Mountainbike Team auf mündliche Zusagen über Monate (oder gar Jahre) aufbauen kann. Leider scheint Focus diesen Vertrauensvorschuss auszunutzen und von jetzt auf gleich einem der erfolgreichsten Cross Country Teams den Rücken zu kehren.

Stellungnahmen der Mountainbiker

Florian Vogels Statement

Nachzulesen in “Mein Statement” auf Facebook.

Fast schon ungläubig habe ich auf die Mail gegafft welche mir Gestern am späten Nachmittag ins Haus geflattert ist. „Focus“ steht im Betreff und danach „wir haben soeben die Nachricht erhalten dass Focus den Vertrag mit dem Team nicht unterschreibt (genau, den Vertrag bei welchem ich eigentlich davon ausgegangen bin dass dieser bereits im Herbst 2016 unterzeichnet wurde, immerhin hat man mir und meinen Teamkollegen gegenüber dies so kommuniziert und Verträge mit einer Laufzeit für 2017&2018 angeboten). Zwar gab es letzten Herbst einige Differenzen und Ungereimtheiten was das Budget anging. Man fand dann aber eine geeignete Lösung und ich wurde gar Zeuge wie Focus dem Team mündlich zugesichert hat dass man die Zusammenarbeit voraussichtlich gar bis 2020 verlängern würde und 2018 sowieso gesichert sei. Rein rechtlich gesehen hat sich Focus wohl nichts zu schaden kommen lassen. Und dass das Management von Focus XC die mündliche Vereinbarung als bare Münze genommen hat, das hätte – seien wir ehrlich – wohl jedem von uns auch passieren können. Ob es moralisch vertretbar ist das ein Grosskonzern ein langjähriges Sponsoring-Engagement ende Januar und ohne Rücksicht auf bestehende Verträge mit Athleten einfach so aufzulöst ist meiner Meinung nach höchst fragwürdig. Bei einigen Projekten – beispielsweise dem Transalp36 bei welchem Markus und ich uns mit E-Bikes bei Schneefall, Regen, Kälte und ohne Schlaf durch die Alpen gequält haben wurde uns regelrecht in den Arsch gekrochen und noch letzte Woche hat man mich gebeten ob ich nicht nach Stuttgart kommen könnte um dort einen neuen Prototypen zu testen. Alles kein Problem und Teil meines Jobs aber leider bin ich halt nur Sportler und somit “Freiwild”. Ich gehöre keiner Gewerkschaft an und verfüge über kein GAV – und Rechte habe ich sowieso so gut wie keine! Bravo Focus Bikes ! I am officially Fully Fucked now!

Markus Bauer Statement

Nachzulesen in: Profi Karrieren vor dem Ende?

Seit 2015 schimpfe ich mich Mountainbike Profi. Auch die Jahre zuvor habe ich stets so professionell wie möglich trainiert und gelebt. Insgesamt bin ich bis Ende 2017 zwölf Jahre Teil der Deutschen Nationalmannschaft im Mountainbike gewesen. Trotz großer Verletzungen in den Jahren 2012, 2013 und 2016 habe ich in 2017 endlich einen „großen“ Titel gewonnen. Als Deutscher Meister im Marathon und mit meinen, für diese Sportart noch jungen 28 Jahren, habe ich mich in einer guten Ausgangslage gewähnt, in einem großen Team ab 2018 alles auf die Karte Mountainbike Marathon zu setzen und den Angriff auf die Weltspitze zu wagen. Doch die Dinge kommen anders.

Unsere „Randsportart“ hängt zu 90% von der Bike Industrie ab (und da können wir uns im Vergleich zu anderen Sportarten ohne eine solche Industrie im Hintergrund noch sehr glücklich schätzen).

Eben diese Industrie erfährt gerade den wohl größten Wandel seit es Mountainbikes gibt. Elektrifizierte Bikes erobern von Tag zu Tag mehr Marktanteile. Viele Firmen sehen in diesem Bereich ihre wirtschaftliche Zukunft und investieren daher Manpower und Marketingmittel zu 100% in diesen Bereich. Auch mein Kreidler Werksteam ist „Opfer“ dieser Veränderung geworden. Ich hätte als Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens wohl genauso entschieden.

Ich habe im Herbst viele Wochen mit großem Aufwand gesucht und quasi nichts gefunden. Egal ob bei Teams mit Perspektive, oder als Privatier: keine Tür stand offen. Als Sportler kann ich das zwar verstehen, aber persönlich enttäuscht es mich. Meine bisherige Existenzgrundlage existiert quasi nicht mehr. Das es früher oder später irgendwann so kommen wird, wusste ich und habe mich aus diesem Grund schon früh um meine „Karriere nach der Karriere“ gekümmert und neben dem Sport stets studiert. Aber der „Profi“ Sport hat mir währenddessen viel geboten und ich habe stets alles genossen und gerne jede Erfahrung „konsumiert“. Es hat mich ein Stück weit auch zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.

Ich werde das Jahr 2018 als Deutscher Meister in vollen Zügen genießen und sportlich vor allem beim Cape Epic alles geben. Einfach verschwinden ist nicht meine Art und vor allem: für das Trikot mit den Streifen habe ich viel zu lange gekämpft, um es nicht mit Würde zu tragen.

Zum Glück gibt es einige, die mich auch weiter unterstützen und mir bei dieser Mission helfen. Danke an die FSM AG, in deren Firmenmannschaft ich 2018 starte. Danke an meinen Kopfsponsor, die HERUD KG mit seiner Marke Rondoplex für die Treue. Und Danke an meinen einzigen neuen Partner in 2018, der sich ernsthaft für meine sportliche Zukunft interessiert hat: Ceetec Carbon Komponenten aus der Schweiz.

Ich freue mich 2018 auf einem eigens designten Bike Rahmen von meinem Kumpel Benny Jörges (BQ) unterwegs zu sein. Mein Meister Rad wird komplett nach meinen Vorstellungen zusammen gestellt sein. Seid gespannt auf meine Race Waffe.

Fazit

Alle Sportarten außerhalb des Fußballs haben in Deutschland einen schweren Stand. Am schwersten natürlich die Randsportarten, die wenig mediale Beachtung finden. Aber der MTB-Sport ist auf einem guten Weg, die Weltcups in Deutschland ziehen Zehntausende Zuschauer und auch im Marathon Bereich wird die Berichterstattung zunehmend attraktiver.

Als Sponsor oder Geldgeber eines professionellen Sportteams hat man nach meinem Verständnis eine ähnliche Fürsorgepflicht wie ein Arbeitgeber. Und auch wenn es sich nur um mündliche Zusagen handelt, so sollte man diese auch einhalten.

Aber selbst im kleinen funktioniert dieses System nicht. Im Rahmen unserer Barista Antifascista Aktion hatte ich eine schriftliche Einigung mit einem Bikeshop aus Rheinberg über die Abnahme von 60 T-Shirts. Bis heute habe ich keine Antwort mehr auf die Rechnung erhalten, nicht einmal ein Absage oder Rücktritt von der schriftlichen Einigung.

Ich wünsche Florian Vogel und seinem Focus XC Racing Team für die Saison 2018 alles Gute. Das gleiche gilt für Markus Bauer, der zumindest noch bis zum Cape Epic im März als MTB-Profi Wettkämpfe bestreiten wird. Und wenn schon Karriereende, dann vielleicht wenigstens mit einem Tageserfolg beim legendären Rennen in Südafrika?

Quellennachweis zum Titelbild: Focus Transalp36 mit Markus Schulte-Lünzum und Florian Vogel. Fotograf Stefan Goetzelmann.