Das letzte Lied auf der Party – Daniels Saisonrückblick

Saisonrückblicke können eine Befreiung sein und neue Möglichkeiten eröffnen, sie können aber auch mit Wehmut geschrieben werden. Zum Beispiel dann, wenn die Saison einfach in ihrer Ganzheit ein absolutes Highlight war. Das letzte Lied auf der Party, gesungen von Ansgar, war dabei einer der wenigen Träume, der nicht in Erfüllung ging. Ich trage ein Schwert aus purer Euphorie und einen Umhang aus Melancholie und öffne euch die Türen zum einer sensationellen Saison. Meiner bisher besten.

Natürlich wird die wembo 24hr World Championchip 2017 in Finale Ligure ein wesentlicher Bestandteil dieses Rückblicks. Aber es war nicht nur die erfolgreiche WM-Teilnahme, die mit dem Podium endete, die diese Saison zu etwas besonderem machte. Es waren viele unbeschreibliche Momente, sportlicher und menschlicher Natur, die noch heute bei den Beteiligten und mir für Gänsehaut sorgen.

Daniels WM-Tagebuch

Mit meinem WM-Tagebuch habe ich ab Januar 2017 meinen langen Weg der Vorbereitung auf die 24h Mountainbike Weltmeisterschaft festgehalten. Wie wichtig dieses WM-Tagebuch für mich persönlich werden sollte, war mir am 2. Januar mit dem Dreh der ersten Folge gar nicht bewusst.

Auch wenn ich mich nie wirklich mit einer Zielsetzung für die Weltmeisterschaft auseinandergesetzt habe, so kann ich doch in den 150 Folgen eine klare Entwicklung meinerseits erkennen. Man merkt wie das Selbstvertrauen von Woche zu Woche steigt und Selbstzweifel, die mir bestimmt auch das Podium in München 2016 gekostet haben, sinken.

Ich habe auch von euch eine Menge Feedback zum WM-Tagebuch bekommen und daraus auch viel Trainingsmotivation herausgezogen. Dafür möchte ich mich hier auch noch bedanken.

Unvergessen bleibt beim WM-Tagebuch die Folge 37, die meine Einstellung zum Training prägend verändert hat und maßgeblichen Anteil am späteren Erfolg bei der Weltmeisterschaft haben sollte.

Aber ohne Gang keine WM und hier wirft Folge 107 ihre Schatten voraus. Schöne Erinnerungen und mentale Stützen, die auch über die Weltmeisterschaft hinaus helfen.

Die ersten Rennen 2017

Mit dem SKS Kellerwald BIKE Marathon und den SKS Bike Marathon Sundern bin ich mit zwei Langstreckenrennen in die Saison gestartet.

Leistungstechnisch habe ich die Rennen im Hinblick auf die 24h Mountainbike Weltmeisterschaft ordentlich abgeschnitten und mit Leistungen zwischen 200-220 Watt zu Ende gefahren. Im Kellerwald musste ich das Rennen nach 100 von 120km aufgrund eines technischen Defekts beenden, genauso wie sechs Monate später beim letzten Rennen der Saison.

Zwei Wochen später lief es beim SKS Bike Marathon von Sundern besser. Der Mountainbike Marathon liegt mir besser als der Saisonstart in Hessen. Bei 4 Grad beendete ich den MTB Marathon nach 4:45h als 19. AK und 64. Gesamt mit einem ersten Ergebnis.

SKS Kellerwald Bike Marathon 2017

Im Frühjahr 2017 waren aber nicht die beiden Mountainbike Marathons die Höhepunkte, sondern meine epischen Trainings über sieben bzw. neun Stunden. Insbesondere der Coffeechains Ardennen Ride gehört zu meinen besten Tagen 2017. Danke Ansgar und Tim für diese atemberaubende Tour, Danke Muschi für den Zug auf dem Rückweg über die Vennbahn.

Rocky Mountain BIKE Marathon

Das vorletzte Wochenende im Mai sollte der letzte Härtest für die Mountainbike Weltmeisterschaft werden und brachte gleichzeitig die gesamte Vorbereitung in Gefahr. Der Ausflug zum BIKE Festival und zum Schinder(Hannes) MTB Superbike inkl. Wohnmobil und Crew brachte uns alle in WM-Stimmung.

Der Rocky Mountain BIKE Marathon und tagsdarauf der Schinderhannes MTB Superbike sollten die letzten Herausforderungen für die Weltmeisterschaft darstellen, bevor das Tapering beginnt. Die Langstrecke beim BIKE Festival Willingen war dabei als Probe für den ersten Stint beim der Weltmeisterschaft angemacht, während ich in Emmelshausen beim Schinder(Hannes) hätte intensiver fahren dürfen. Aber bekanntlich kam alles anders als geplant…

Laufräderschrott, Gabelschrott, Daniel Schrott… nach einem fast perfekten Ritt über zwei der drei Runden um Willingen, in denen ich sogar im 24h Renntempo Tim am Langenberg abhängen konnte, stürzte ich nach einem Zusammenprall mit anderen Radfahrern auf der letzten Runde schwer. Ein fahrradfahrender Zuschauer übersah mich in einer Abfahrt und zog unabsichtlich in meine Spur.

Ein Schleudertrauma, diverse Prellungen und eine Zerrung der Rückenmuskulatur zwei Wochen vor dem Start der Weltmeisterschaft waren alles andere als perfekte Bedingungen.

Nichtsdestotrotz war der Rocky Mountain BIKE Marathon auch ohne Schinder(Hannes) MTB Superbike der perfekte Abschluss einer langen Weltmeisterschafts Vorbereitung.

Das Rennen verlief, abgesehen von dem Sturz, perfekt. Ich war nach den acht Stunden im Sattel nicht übermäßig müde, meine Beine noch sehr frisch und auch wenn der restliche Körper schmerzte war mir während dieses Rennens bewusst geworden, dass die Weltmeisterschaft gut werden wird. Auch weil meine Crew sich als Volltreffer entpuppte. Maren, Ansgar ihr seid großartig gewesen. Danke.

In der Woche nach Willingen lief die Heilung meiner Verletzung ok, allerdings waren mir Mountainbike Kilometer bis zur Anreise nach Italien untersagt. Mit einer drei stündigen Rennrad Runde war ich 10 Tage vor der Weltmeisterschaft noch einmal länger unterwegs, alle weiteren Einheiten beschränkten sich auf Umfänge unter 2 Stunden.

wemboFinale: Die 24h Mountainbike Weltmeisterschaft

Heute Nacht wird übertrieben – mit Absicht. Morgen bleiben alle liegen – das macht nichts. Menschen und Lieder, die wir lieben – fantastisch. – Fettes Brot

Der Song von Fettes Brot bekam in den Wochen vor der 24h Mountainbike Weltmeisterschaft große Bedeutung und war nahezu täglich in meiner Playlist. Ansgar reagierte verhalten bis ablehnend auf meine Idee mich mit diesem Song in der Nacht anzufeuern, es sollte einer der wenigen Wünsche bei der WM bleiben, die Ansgar nicht erfüllen konnte.

Innerlich war ich schon in den 2 Wochen vor der 24h Mountainbike Weltmeisterschaft so angespannt, dass ich jedes Mal einen Adrenalinkick bekam, wenn Fettes Brot das Lied anstimmte. Und was dann am 02. Juni abging, es war unverstellbar und es bleibt ein langer Moment des absoluten Wahnsinns.

Ich bin über die Grenze gefahren, habe gelitten und gleichzeitig die Zeit genossen. Es war ein Kampf auf allen Ebenen: Mental fokussiert und konzentriert zu bleiben war genauso anstrengend, wie die steilen Rampe an der Mittelmeerküste Runde um Runde in Angriff zu nehmen.

Es war schwer während des Rennens auszuhalten irgendwie die eigenen Erwartungen um ein vielfaches zu übertreffen und die entferntesten Träume wahr werden zu lassen. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich es heute schon wirklich realisiert habe.

Finale Ligure Highlight des Jahres

Es war sportlich gesehen meine bis dahin beste Erfahrung. Sie konnte sogar meinen Auftritt im Westfalenstadion von Dortmund übertrumpfen, wo ich Mitte der 1990er Jahre in der F-Jugend gegen Borussia Dortmund spielte. Unter Fluchtlicht, bevor Dortmund später gegen Dynamo Dresden spielte und Sommer rot sah. Viel mehr ist von der Erinnerung nicht übrig, das Rumgerotze der Dortmund Fans in meine Richtung und die Böller aus der Südkurve habe ich verdrängt.

Finale Ligure 2017 sollte das Highlight des Jahres werden und es wurde noch mehr. Ansgar, ich danke dir von Herzen für deine ganze Arbeit vor Ort und im Vorfeld. Du weißt, dass dein Anteil an diesem Erfolg in Prozent nicht zu messen ist. Maren danke, dass du ein Stück Lockerheit mitgebracht hast, die mir sehr geholfen hat. Marie und Marko – selbst den Titel nur aufgrund der fehlenden Wertungskategorie verpasst – habt mir auf der Strecke immer wieder sehr geholfen.

Johannes & Chrissie hammerhart!

3rd @ wembo 24hr MTB World Championchip 2017

Night on Bike 2er

Eigentlich war die Saison nach der Mountainbike Weltmeisterschaft für mich zu Ende. Meine Spannung hatte ich abgebaut und die restliche Saison habe ich vergeblich versucht die Anspannung neu aufzubauen.

Nach einer Woche Pause nahm ich trotzdem das Training wieder auf. Und Lukas forderte mich direkt heraus, in dem er mir kurze aber intensive Einheiten in den Trainingsplan schrieb. Immerhin wollte ich zwei Wochen später bei der Night on Bike mit Marc im 2er Team wieder voll da sein.

Im Juli kämpfte ich mich mit vielen langen Einheiten zurück. Ich hatte Spaß im Training und genoss die vielen 100+km Rides, allerdings konnte ich vor der Night on Bike keine wirkliche Rennspannung aufbauen.

Und trotzdem war das Rennen ein voller Erfolg. Mit dem vierten Platz verpassten wir das Podium zwar knapp, dafür konnten wir auch bei diesem Rennen unsere Erwartungen übertreffen. Ich war vor allem von der Strecke und dem Event begeistert, denn die Strecke rund um Radevormwald war sehr schön und anspruchsvoller als die meisten deutschen 24h Rundkurse.

Das 24h Rennen zeigte sich wettertechnisch von der widerspenstigen Seite, was mich allerdings wenig beeindruckte. Etwas ärgerlicher war dagegen meine Reifenwahl, denn mit einem Matschreifen wäre ein Angriff aufs Podium machbar gewesen.

Die Night on Bike gehört in jedem Fall auf den zweiten Platz meiner besten Veranstaltungen 2017. Den Rennbericht gibt es hier.

Die Saison zieht sich

Den Sommer verbrachte ich dann mit zahlreichen Trainingskilometern draußen, knapp 1500km kamen nach der Night on Bike und vor dem letzten Saisondrittel zusammen. Mit fünf weiteren Rennen zog sich die Saison immer länger und mental verlor ich immer mehr Boden.

Da half auch keine Unterstützung von Ansgar, der mich bei den ersten drei Vorbereitungsrennen begleitete. Der Sebamed Bike Day sollte für uns beide eine gefühlte Katastrophe werden. Mit etwas Abstand war die Leistung in meinem Rennen nicht ganz so schlecht aber zufrieden fühlte sich anders an.

Beim Vulkanbike Eifel Marathon wechselte ich im September auf die Kurzstrecke, um ein Rennen all-out fahren zu können. Gemeinsam mit dem P-Weg Marathon einen Tag später die letzten beiden Herausforderungen vor dem dritten und letzten 24h Rennen 2017: Gulbergen24-uurs.

Achterbahnfahrt zum Saisonende

Mit dem 9. Platz AK und 250 Watt durchschnittliche Leistung war das Rennen ein Volltreffer und das Selbstvertrauen stieg kurz vor dem letzten Highlight des Jahres. Allerdings sollte der Auftakt beim Vulkanbike Marathon allenfalls der Start einer Achterbahnfahrt zum Saisonende werden, denn bereits beim P-Weg Marathon begann das Desaster mit einem Rennabbruch aufgrund von keine Lust mehr.

Es war der Tiefpunkt der Saison. Ich startete Scheiße, fühlte mich scheiße und brach das Rennen kampflos ab. Es gab kein Aufbäumen mehr und guter Rat war teuer.

2 Wochen vor Gulbergen24-uurs stand das zweite große Highlight der Saison in den Sternen, ähnlich wie bei der 24h Mountainbike Weltmeisterschaft aber mit völlig unterschiedlichen Hintergründen.

Ich reduzierte das Training, suchte viele Gespräche und kam am Ende immer auf die eine – alles entscheidende – Frage zurück: Wie sehr willst du es? Denn jeder Zweifel ist eine Erinnerung an diese eine Frage.

Gulbergen24-uurs

Ich biss mich durch. Nahm das Training wieder auf und gab der Crew grünes Licht. Lukas Bedingung an die Teilnahme am 24h Rennen war auf einen Punkt reduziert: Du musst sicher sein, dass du die Distanz schaffst. Dein Kopf muss sicher sein. Denn mein Körper war trotz der langen Saison in Takt.

Und so veränderten wir die Ausrichtung des Rennens und ich nahm mir den Druck, in dem ich meine Podium Ambitionen auf “Ankommen” herunterschraubte. Die Crew zog mit.

Ich wiederhole mich, aber ich biss mich durch. Verglichen mit allen anderen 24 Stunden Rennen war Gulbergen2e4-uurs 2017 das Schwierigste von allen. Die halbe Nacht pedalierte ich um den Kurs innerlich aufgebend immer weiter, weil ich meinem team keine Aufgabe zumuten konnte.

Obwohl ich mental der Situation nicht gewachsen war und mit dem Rennen fertig war, ehe es richtig ernst wurde, fuhr ich das Rennen zu Ende. Ich weiß nicht einmal wie mir das gelungen ist.

Es war ein Kampf gegen meinen Kopf und ich habe gewonnen und dabei die wichtigste Erkenntnis erfahren, die im Leben eines Ultraausdauersportlers viel wert sein wird: Es geht immer weiter. Wille schlägt alles. Und ich wollte. Ich wollte für mein Team, dass sich während der Nacht den Allerwertesten abgefroren hatte.

Am Ende war es Platz 6 und damit sogar ein versöhnliches Ergebnis, zumal die Abstände nach vorne überschaubar waren.

Desaster bei Hamburg-Berlin?

Die Saison wollte ich danach in Ruhe ausklingen lassen. Mit dem Coffeechains Social Ride und abschließend mit Hamburg-Berlin einem knapp 300km Einzelzeitfahren im RTF Charakter.

Das Hamburg-Berlin mit einem Defekt endet war für mich zum Saisonende schwer auszuhalten, letztendlich schloss sich so aber der Kreis einer insgesamt erfolgreichen und sehr schönen Saison.

Sportlichen Erfolg gab es mit dem Podium bei der Mountainbike Weltmeisterschaft, dem vierten Platz bei der Night on Bike und dem sechsten Platz bei Gulbergen24-uurs in meiner Paradedisziplin. Darüberhinaus war der neunte Platz beim Vulkanbike Eifel Marathon auch erfolgreich.

Mit dem letzten Drittel der Saison habe ich viele Erfahrungen gesammelt, die man ungerne erfahren möchte. Die mir aber helfen werden. Ich weiß jetzt, dass man immer 24h Rennen fahren kann :-)

Neue Wege, neue Ziele

2017 war für mein sportliches Dasein ein prägendes Jahr. Mit dem Wechsel zum STAPS Institut hat sich meine Sicht und Einstellung zum Training komplett verändert; ich betrachte meine Entwicklung ganzheitlicher und merke wie mein Niveau steigt.

Ich habe gelernt, dass körperliches Training alleine noch keinen guten Radrennfahrer ausmacht und die mentale Komponente kennengelernt, die viel mehr über Sieg oder Niederlage entscheidet. Mit Arne Bentin von Sportlab AB habe ich endlich eine kompetente Person gefunden, die meine Stoffwechselproblematik diagnostizieren und hoffentlich bald therapieren kann, so dass ich 2018 auch wieder Richtung Idealgewicht arbeiten kann.

Die Quintessenz aus dieser Saison lässt sich plakativ in einen Satz formulieren: Es ist noch nicht vorbei.

Fazit

Zwei Bilder die meine Emotionen 2017 gut visualisieren. Kaffee, Radsport und Liebe. Es war ein tolles Jahr und ich freue mich jetzt schon auf die neuen Abenteuer im kommenden Jahr. Ride hard, ride fast. And don’t forget your coffee.

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